Ringe für die schwarzen Schnäbel
Jedes Jahr im Juni trifft sich ein kleiner Kreis an Ehrenamtlern in Nordwestsachsen zusammen mit dem Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen, um den Storchennachwuchs mit Ringen zu versehen. Durch das regelmäßige Ablesen der Ringe (jeder Storch erhält eine einzigartige Nummer) können wichtige biologische Aspekte gewonnen werden. Änderungen im Zugverhalten können ausgewertet werden und lassen Rückschlüsse auf das Leben der Störche außerhalb ihres Brutgebietes zu. Die Beringung ist aufwendig, da eine Hebebühne nötig ist, um an die Horste heranzukommen. Teilweise nutzen die Störche in Nordwestsachsen bis zu 30 m hohe Türme zum Brüten. Eine regelmäßige Kontrolle vorab vom Boden aus mit einem Fernglas ist nötig. Hier kann das Verhalten der Tiere studiert, Anzahl, Größe und Alter der Jungtiere abgeschätzt werden. Junge Weißstörche unterscheiden sich von den adulten Tieren durch einen schwarzen Schnabel und schwarzen Beinen. Mit zunehmendem Alter färbt sich beides rötlich. Ringe gibt es bei dieser Tour nur für die Schwarzschnäbel, da diese zum Zeitpunkt der Beringung noch nicht fliegen können und im Horst vorsichtig gesichert werden können.
Trotz dessen, dass die Beringung schon viele Jahre durchgeführt wird, kommen immer wieder neue, wichtige Erkenntnisse hinzu. Unser Jahr 2025/2026 lässt sich bislang mit den Schlagworten: Zugscheide in Deutschland und Fleischreste auf Spaniens Müllkippen beschreiben.
Bei den Störchen gibt es die Westzieher und Ostzieher. Zum Überwintern verlassen sie also ihre Brutgebiete und ziehen in wärmere Regionen mit mehr Nahrungsangebot. Dadurch das der Storch ein Thermiksegler ist, kann er nicht über große, offene Wasserflächen mit wenig aufsteigender Warmluft fliegen. Deshalb entscheidet sich je nach Horststandort, ob das Mittelmeer östlich oder westlich umflogen wird.
Ostzieher: Deutschland → Polen → Ungarn/Balkan → Bosporus → Türkei → Israel → Sinai → Ägypten → Nil → Sudan → Ost- und Südafrika
Westzieher: Deutschland → Frankreich → Spanien → Straße von Gibraltar → Marokko → Westafrika
In Nordwestsachsen liegt die Zugscheide und beide vermischen sich. Teilweise fliegen Geschwisterstörche unterschiedliche Routen und ein Wechsel der Zugroute kann sich nach einigen Jahren ergeben. Es bleibt dynamisch. Vor allem seit einige der Störche nicht mehr bis nach Afrika fliegen, sondern in Spanien überwintern. Ein Grund sind die Fleisch- Fisch- und Abfallreste auf Spaniens Deponien. Tausende Störche verbrachten den Winter dort, sparten Energie und kamen früher in ihre Brutgebiete zurück. Ungefährlich sind die Deponien jedoch nicht: Verletzungen mit Infektionsrisiko, Ausbruch von Krankheiten und die Aufnahme von Plastik spielen eine Rolle. Die EU-Abfallvorschriften sollen nun zur strengeren Überwachung und Abdeckung der Deponien führen. Es bleibt die Frage offen, ob die Störche zu ihren ursprünglichen Überwinterungsgebieten zurückkehren.
32 Jungtiere können dieses Jahr in Nordwestsachsen dazu beitragen, neue Daten zu liefern und geben uns die Möglichkeit, Veränderungen zu erkennen und den Schutz der Störche europaweit weiterhin zu forcieren. Für einen gefahrenlosen Start der Schwarzschnäbel wird der Horst von Müll befreit und auf Standfestigkeit geprüft.
Die Sanierung der Horste bleibt jedoch häufig auf der Strecke, da Gelder für Hebebühnenfahrten fehlen. Die ursprünglich dafür vorgesehenen Fördermittel des Freistaates Sachsen sind schon lange geschlossen. Eine Besserung bislang nicht in Sicht. Wir freuen uns daher auf tatkräftige Unterstützung durch Feuerwehren und Spenden. Melden Sie sich gerne bei uns!
Interessante Quellen zum Nachlesen :
• Flack, A., Nagy, M., Fiedler, W., Couzin, I. D. & Wikelski, M. (2018). From local collective behavior to global migratory patterns in white storks. Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie
• NABU Sachsen (Hrsg.). (2024). Weißstorchbericht Sachsen 2023. Zusammengestellt aus den Angaben der Kreis- und Bezirksbetreuer sowie Anwohnerberichten. Dresden.
• NABU Naturschutzinstitut Region Dresden – Neues vom Weißstorch. Enthält u. a. den Fachbeitrag „Wie hoch ist im sächsischen Bestand des Weißstorches (Ciconia ciconia) der Anteil der Westzieher?“ sowie weitere Veröffentlichungen zur Weißstorchforschung in Sachsen.
• Förderverein Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz e. V. (Hrsg.). (2025). Mitteilungen für sächsische Ornithologen 2025. Beitrag: Das Weißstorchjahr 2024 in Sachsen. Neschwitz.
• Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz – Schutzmaßnahmen für den Weißstorch. Informationen zum Artenschutzprogramm Weißstorch in Sachsen.
• Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz – Berichte zum Monitoring in Sachsen. Langfristige Daten zum Vogelmonitoring und zur Bestandsentwicklung in Sachsen.
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